Von Neuschwanstein bis Zehlendorf: Deutschlands Welterbe wächst – und mit ihm die Verantwortung
Die Waldsiedlung Zehlendorf ergänzt seit Juli die UNESCO-Welterbestätte „Siedlungen der Berliner Moderne“. UNESCO-Welterbe-Gründungsdirektor Bernd von Droste zu Hülshoff zeigt in seinem neuen Buch „Welterbe in Gefahr“, warum jede Auszeichnung zugleich ein dauerhafter Schutzauftrag ist. Ein Acht-Punkte-Plan appelliert an Deutschlands Beitrag.
Sieben Siedlungen der Berliner Moderne
Hildesheim/Berlin: Die deutsche Welterbelandschaft ist um einen weiteren Ort reicher: Das UNESCO-Welterbekomitee beschloss bei seiner Sitzung im südkoreanischen Busan, die Waldsiedlung Zehlendorf in die bestehende Welterbestätte „Siedlungen der Berliner Moderne“ aufzunehmen. Damit umfasst das Ensemble nun sieben Berliner Siedlungen. Die zwischen 1926 und 1932 errichtete Waldsiedlung steht exemplarisch für das Neue Bauen und für den sozialreformerischen Anspruch, mit Licht, Luft und Sonne bessere Wohnverhältnisse zu schaffen. Die Erweiterung folgt nur ein Jahr nach einer weiteren deutschen Neuaufnahme: 2025 wurden Neuschwanstein, Linderhof, Herrenchiemsee und das Königshaus am Schachen als „Schlösser König Ludwigs II. von Bayern“ zur 55. UNESCO-Welterbestätte Deutschlands erklärt.
Auszeichnung und Schutzauftrag
Die jüngsten Entscheidungen lenken den Blick auf Deutschlands außerordentlich vielfältiges Welterbe – von den Zeugnissen der Industriekultur über historische Stadtanlagen bis zu Landschaften und Bauwerken der Moderne. Mit der internationalen Anerkennung sind jedoch konkrete Verpflichtungen verbunden: Die Stätten müssen in ihrer Substanz, ihrem Umfeld und ihrem außergewöhnlichen universellen Wert für kommende Generationen erhalten werden. Genau dieses Spannungsfeld steht im Zentrum des neuen Buches „Welterbe in Gefahr“ von Bernd Freiherr von Droste zu Hülshoff, das im Oktober 2026 im Verlag Olms Presse erscheint und auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt wird. Droste zu Hülshoff war von 1992 bis 1999 Gründungsdirektor des UNESCO-Welterbezentrums in Paris und kennt die Mechanismen der internationalen Welterbepolitik wie kaum ein Zweiter.
Deutsche Stätten im globalen Zusammenhang
In „Welterbe in Gefahr“ führt der Autor zu mehr als 50 Orten, die die Identität der Menschheit prägen. Mehrere Kapitel berühren Deutschland unmittelbar: Der Kölner Dom stand wegen geplanter Hochhäuser zeitweise auf der Roten Liste; das Dresdner Elbtal verlor 2009 nach dem Bau der Waldschlößchenbrücke seinen Welterbestatus. An solchen Fällen zeigt das Buch, dass nicht erst Krieg oder Naturkatastrophen eine Welterbestätte bedrohen. Auch Bauprojekte, unzureichende Pufferzonen und Entscheidungen der Stadt- und Verkehrsplanung können ihren außergewöhnlichen universellen Wert beeinträchtigen.
Das Beispiel Wien zeigt Schwächen des Systems
Wie aktuell diese Konflikte bleiben, zeigt auch der Fall Wien. Das Welterbekomitee strich das historische Zentrum der österreichischen Bundeshauptstadt bei seiner Sitzung in Busan von der Liste des gefährdeten Welterbes – entgegen der Empfehlung von ICOMOS und UNESCO-Welterbezentrum – bisher einzigartig in der Geschichte der UNESCO. Seit 2017 war Wien wegen mangelnder Planungs- und Schutzinstrumente sowie des Hochhausprojekts am Heumarkt als gefährdet eingestuft. Für Wien ist die Streichung zunächst eine gute Nachricht. Die zugrunde liegenden Herausforderungen der Stadtentwicklung für das Welterbe sind damit jedoch nicht gelöst. Die Entscheidung zeigt zudem die Schwächen des Welterbesystems. Weltweit stehen derzeit 58 der 1.273 Welterbestätten auf der Roten Liste.
Acht Punkte für das Welterbe – Appell an deutsches Engagement
Politik, Klimakrise, bewaffnete Konflikte, Naturkatastrophen, Massentourismus und wirtschaftliche Interessen setzen das Welterbe zunehmend unter Druck. In einem Acht-Punkte-Manifest fordert Droste zu Hülshoff deshalb eine Reform des Aufnahme- und Streichungsverfahrens. Wissenschaftliche Empfehlungen unabhängiger Fachgremien wie ICOMOS sollen künftig zwingend berücksichtigt werden.
Angesichts der Schwächung des UN-Systems insbesondere durch den Rückzug der USA, die den Welterbeschutz existentiell gefährdet, plädiert Droste zu Hülshoff zudem für ein Einspringen durch Deutschland. Mit einem geringen finanziellen Aufwand von rund fünf Millionen Dollar jährlich könnte Deutschland gegebenenfalls auch gemeinsam mit anderen Ländern wie zum Beispiel Österreich das entstandene Vakuum füllen. Gerade für ein Land mit 55 Welterbestätten und zahlreichen weiteren Bestandteilen serieller Welterbe-Ensembles ist der Titel nicht nur Auszeichnung, sondern ein Auftrag zu internationalem Engagement.
Über den Autor
Bernhard Freiherr Droste zu Hülshoff wurde 1938 in Essen geboren. Nach einem Forststudium und der Promotion an der Ludwig-Maximilians-Universität München trat er 1973 in die UNESCO ein, war Sekretär des Man and the Biosphere-Programms und wurde 1992 zum Gründungsdirektor des UNESCO-Welterbezentrums in Paris berufen. 1998 wurde er zum Assistant Director-General der UNESCO ernannt. Nach seiner Pensionierung 1999 war er als Gutachter, Berater und Mediator für UNESCO, IUCN, EU-Kommission und Weltbank tätig und hat mehr als 130 Länder bereist. Als Honorarprofessor lehrte er an der Europa-Universität Viadrina, gastweise an der Brandenburgischen Technischen Universität sowie an den Pekinger Eliteuniversitäten Beida und Tsinghua.
Zum Buch „Welterbe in Gefahr“
- „Welterbe in Gefahr“ von Bernd Freiherr von Droste zu Hülshoff, Verlag Olms Presse, ca. 260 Seiten, 15 Abbildungen, Hardcover, ISBN 978-3-7582-0834-8, € 29,80.
- Erscheint im Oktober 2026, Präsentation auf der Frankfurter Buchmesse (International Stage, 8. Oktober 2026).
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