Deutschland 28. Juli 2026

Von Neuschwanstein bis Zehlendorf: Deutschlands Welterbe wächst – und mit ihm die Verantwortung

Die Waldsiedlung Zehlendorf ergänzt seit Juli die UNESCO-Welterbestätte „Siedlungen der Berliner Moderne“. UNESCO-Welterbe-Gründungsdirektor Bernd von Droste zu Hülshoff zeigt in seinem neuen Buch „Welterbe in Gefahr“, warum jede Auszeichnung zugleich ein dauerhafter Schutzauftrag ist. Ein Acht-Punkte-Plan appelliert an Deutschlands Beitrag.

Sieben Siedlungen der Berliner Moderne

Hildesheim/Berlin: Die deutsche Welterbelandschaft ist um einen weiteren Ort reicher: Das UNESCO-Welterbekomitee beschloss bei seiner Sitzung im südkoreanischen Busan, die Waldsiedlung Zehlendorf in die bestehende Welterbestätte „Siedlungen der Berliner Moderne“ aufzunehmen. Damit umfasst das Ensemble nun sieben Berliner Siedlungen. Die zwischen 1926 und 1932 errichtete Waldsiedlung steht exemplarisch für das Neue Bauen und für den sozialreformerischen Anspruch, mit Licht, Luft und Sonne bessere Wohnverhältnisse zu schaffen. Die Erweiterung folgt nur ein Jahr nach einer weiteren deutschen Neuaufnahme: 2025 wurden Neuschwanstein, Linderhof, Herrenchiemsee und das Königshaus am Schachen als „Schlösser König Ludwigs II. von Bayern“ zur 55. UNESCO-Welterbestätte Deutschlands erklärt.

Auszeichnung und Schutzauftrag

Die jüngsten Entscheidungen lenken den Blick auf Deutschlands außerordentlich vielfältiges Welterbe – von den Zeugnissen der Industriekultur über historische Stadtanlagen bis zu Landschaften und Bauwerken der Moderne. Mit der internationalen Anerkennung sind jedoch konkrete Verpflichtungen verbunden: Die Stätten müssen in ihrer Substanz, ihrem Umfeld und ihrem außergewöhnlichen universellen Wert für kommende Generationen erhalten werden. Genau dieses Spannungsfeld steht im Zentrum des neuen Buches „Welterbe in Gefahr“ von Bernd Freiherr von Droste zu Hülshoff, das im Oktober 2026 im Verlag Olms Presse erscheint und auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt wird. Droste zu Hülshoff war von 1992 bis 1999 Gründungsdirektor des UNESCO-Welterbezentrums in Paris und kennt die Mechanismen der internationalen Welterbepolitik wie kaum ein Zweiter.

Deutsche Stätten im globalen Zusammenhang

In „Welterbe in Gefahr“ führt der Autor zu mehr als 50 Orten, die die Identität der Menschheit prägen. Mehrere Kapitel berühren Deutschland unmittelbar: Der Kölner Dom stand wegen geplanter Hochhäuser zeitweise auf der Roten Liste; das Dresdner Elbtal verlor 2009 nach dem Bau der Waldschlößchenbrücke seinen Welterbestatus. An solchen Fällen zeigt das Buch, dass nicht erst Krieg oder Naturkatastrophen eine Welterbestätte bedrohen. Auch Bauprojekte, unzureichende Pufferzonen und Entscheidungen der Stadt- und Verkehrsplanung können ihren außergewöhnlichen universellen Wert beeinträchtigen.

Das Beispiel Wien zeigt Schwächen des Systems

Wie aktuell diese Konflikte bleiben, zeigt auch der Fall Wien. Das Welterbekomitee strich das historische Zentrum der österreichischen Bundeshauptstadt bei seiner Sitzung in Busan von der Liste des gefährdeten Welterbes – entgegen der Empfehlung von ICOMOS und UNESCO-Welterbezentrum – bisher einzigartig in der Geschichte der UNESCO. Seit 2017 war Wien wegen mangelnder Planungs- und Schutzinstrumente sowie des Hochhausprojekts am Heumarkt als gefährdet eingestuft. Für Wien ist die Streichung zunächst eine gute Nachricht. Die zugrunde liegenden Herausforderungen der Stadtentwicklung für das Welterbe sind damit jedoch nicht gelöst. Die Entscheidung zeigt zudem die Schwächen des Welterbesystems. Weltweit stehen derzeit 58 der 1.273 Welterbestätten auf der Roten Liste.

Acht Punkte für das Welterbe – Appell an deutsches Engagement

Politik, Klimakrise, bewaffnete Konflikte, Naturkatastrophen, Massentourismus und wirtschaftliche Interessen setzen das Welterbe zunehmend unter Druck. In einem Acht-Punkte-Manifest fordert Droste zu Hülshoff deshalb eine Reform des Aufnahme- und Streichungsverfahrens. Wissenschaftliche Empfehlungen unabhängiger Fachgremien wie ICOMOS sollen künftig zwingend berücksichtigt werden.

Angesichts der Schwächung des UN-Systems insbesondere durch den Rückzug der USA, die den Welterbeschutz existentiell gefährdet, plädiert Droste zu Hülshoff zudem für ein Einspringen durch Deutschland. Mit einem geringen finanziellen Aufwand von rund fünf Millionen Dollar jährlich könnte Deutschland gegebenenfalls auch gemeinsam mit anderen Ländern wie zum Beispiel Österreich das entstandene Vakuum füllen. Gerade für ein Land mit 55 Welterbestätten und zahlreichen weiteren Bestandteilen serieller Welterbe-Ensembles ist der Titel nicht nur Auszeichnung, sondern ein Auftrag zu internationalem Engagement.

Über den Autor

Bernhard Freiherr Droste zu Hülshoff wurde 1938 in Essen geboren. Nach einem Forststudium und der Promotion an der Ludwig-Maximilians-Universität München trat er 1973 in die UNESCO ein, war Sekretär des Man and the Biosphere-Programms und wurde 1992 zum Gründungsdirektor des UNESCO-Welterbezentrums in Paris berufen. 1998 wurde er zum Assistant Director-General der UNESCO ernannt. Nach seiner Pensionierung 1999 war er als Gutachter, Berater und Mediator für UNESCO, IUCN, EU-Kommission und Weltbank tätig und hat mehr als 130 Länder bereist. Als Honorarprofessor lehrte er an der Europa-Universität Viadrina, gastweise an der Brandenburgischen Technischen Universität sowie an den Pekinger Eliteuniversitäten Beida und Tsinghua.

Zum Buch „Welterbe in Gefahr“

  • „Welterbe in Gefahr“ von Bernd Freiherr von Droste zu Hülshoff, Verlag Olms Presse, ca. 260 Seiten, 15 Abbildungen, Hardcover, ISBN 978-3-7582-0834-8, € 29,80.
  • Erscheint im Oktober 2026, Präsentation auf der Frankfurter Buchmesse (International Stage, 8. Oktober 2026).
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Österreich · Wien 28. Juli 2026

Fall Heumarkt zeigt: Streichung Wiens von der Roten Liste des Welterbes löst die Grundfrage nicht

UNESCO-Welterbe-Gründungsdirektor Bernd von Droste zu Hülshoff beschreibt den Wiener Welterbe-Streit in seinem im Oktober erscheinenden Buch „Welterbe in Gefahr“ – und ordnet ihn in ein globales Muster wachsender Bedrohung ein. Ein Acht-Punkte-Plan soll das Welterbesystem verbessern.

Erstmals gegen den fachlichen Rat

Hildesheim/Wien: Das UNESCO-Welterbekomitee hat bei seiner Sitzung in Busan, Südkorea, entschieden, das historische Zentrum von Wien von der Liste des gefährdeten Welterbes zu streichen. Die Entscheidung kam gegen den ausdrücklichen Rat der Fachwelt zustande: Sowohl der Internationale Rat für Denkmalpflege (ICOMOS) als auch das UNESCO-Welterbezentrum hatten empfohlen, Wien auf der „Roten Liste“ zu belassen. Erstmals in der Geschichte der Welterbekonvention wurde eine Stätte damit entgegen dem Votum der beratenden Gremien und des Sekretariats von der Gefährdungsliste genommen – ein Vorgang, den selbst UNESCO-Welterbedirektor Lazare Eloundou Assomo als „sehr, sehr schwer, ja fast unmöglich umzusetzen“ bezeichnete.

Gute Nachricht, offene Baustelle

„Für Wien ist die Streichung zunächst eine gute Nachricht: Die Stadt gilt damit offiziell nicht mehr als gefährdetes Welterbe. Die zugrunde liegenden Herausforderungen der Stadtentwicklung für das Welterbe sind damit jedoch nicht gelöst. Die vorliegende Entscheidung zeigt zudem die Schwächen des Welterbesystems“, sagt Bernd Freiherr Droste zu Hülshoff, Autor des neuen Buches „Welterbe in Gefahr“, das auf der Frankfurter Buchmesse im Oktober vorgestellt werden wird. Zur Erinnerung: Das historische Zentrum war 2017 wegen des Heumarkt-Hochhausprojekts des Investors Michael Tojner als gefährdet eingestuft worden; nach mehreren Redimensionierungen – von ursprünglich 73 auf knapp 50 Meter – steht die beschlossene Umweltverträglichkeitsprüfung für das Bauvorhaben noch aus. Kritiker:innen, darunter Umweltorganisationen und Teile der Wiener Opposition, werfen Bund und Stadt vor, die Entscheidung durch diplomatisches Lobbying gegen die fachliche Empfehlung durchgesetzt zu haben. Auch zwei Mitglieder des Welterbekomitees, die Schweiz und Grenada, distanzieren sich von dem Beschluss.

Der Wiener Fall im neuen Buch

Genau an diesem Spannungsfeld setzt das neue Buch „Welterbe in Gefahr“ an, das im Oktober 2026 im Verlag Olms Presse erscheint. Der Autor Bernd Freiherr Droste zu Hülshoff war von 1992 bis 1999 Gründungsdirektor des UNESCO-Welterbezentrums in Paris und kennt die Mechanismen der Welterbepolitik wie kaum ein Zweiter. In „Welterbe in Gefahr“ beschreibt er unter anderem den Wiener Fall als Beispiel dafür, wie ein einzelnes Hochhausprojekt die Grundidee des Welterbeschutzes infrage stellen kann – und wie schwer es ist, Stadtentwicklung und internationale Schutzverpflichtungen in Einklang zu bringen.

Kein Einzelfall: Gefährdung weltweit

Nicht nur Stadtentwicklung, vor allem Politik, die Klimakrise und bewaffnete Konflikte gefährden das Welterbe in zunehmendem Maß. Bei derselben Sitzung des Welterbekomitees im südkoreanischen Busan wurden mehrere neue Stätten in Krisenregionen aufgenommen und zugleich sofort auf die Rote Liste gesetzt: die Burgen am Berg Amel im Libanon, gefährdet durch die Kämpfe zwischen Israel und der Hisbollah, sowie die archäologische Stätte Sebastia im besetzten Westjordanland, die als „äußerst gefährdet“ eingestuft wurde. Insgesamt gelten derzeit 58 der weltweit 1.273 Welterbestätten als bedroht – durch Kriege, Klimawandel, Naturkatastrophen oder, wie im Fall Wiens, durch Bauprojekte.

Expertenrat soll zwingend werden – acht Punkte für ein robusteres Welterbesystem

In seinem Buch „Welterbe in Gefahr“ nimmt der Autor die Leser:innen mit zu über 50 Orten, die die Identität der Menschheit prägen – von Venedig über Timbuktu bis zum Great Barrier Reef – und schildert deren Bedrohung durch geopolitische Machtverschiebungen, Klimawandel und wirtschaftliche Interessen. In einem Acht-Punkte-Manifest fordert Droste zu Hülshoff unter anderem eine Reform des Aufnahme- und Streichungsverfahrens, nach der wissenschaftliche Empfehlungen unabhängiger Fachgremien wie ICOMOS künftig zwingend zu befolgen wären – ein Vorschlag, der angesichts der aktuellen Wiener Entscheidung neue Aktualität gewinnt. Ein weiterer Manifest-Punkt fordert rechtsverbindliche, einklagbare Pufferzonen im lokalen Planungsrecht, um Bauprojekte wie jenes am Heumarkt von vornherein mit dem Welterbeschutz zu vereinbaren.

Über den Autor

Bernhard Freiherr Droste zu Hülshoff wurde 1938 in Essen geboren. Nach einem Forststudium und der Promotion an der Ludwig-Maximilians-Universität München trat er 1973 in die UNESCO ein, war Sekretär des Man and the Biosphere-Programms und wurde 1992 zum Gründungsdirektor des UNESCO-Welterbezentrums in Paris berufen. 1998 wurde er zum Assistant Director-General der UNESCO ernannt. Nach seiner Pensionierung 1999 war er als Gutachter, Berater und Mediator für UNESCO, IUCN, EU-Kommission und Weltbank tätig und hat mehr als 130 Länder bereist. Als Honorarprofessor lehrte er an der Europa-Universität Viadrina, gastweise an der Brandenburgischen Technischen Universität sowie an den Pekinger Eliteuniversitäten Beida und Tsinghua.

Zum Buch „Welterbe in Gefahr“

  • „Welterbe in Gefahr“ von Bernd Freiherr von Droste zu Hülshoff, Olms Presse Verlag, ca. 260 Seiten, 15 Abbildungen, Hardcover, ISBN 978-3-7582-0834-8, € 29,80.
  • Erscheint im Oktober 2026, Präsentation auf der Frankfurter Buchmesse (International Stage, 8. Oktober 2026).
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