Im Cockpit des Drogenbarons
Als Vertreter einer Organisation der Vereinten Nationen wurde mir unmissverständlich signalisiert, dass mein Platz nicht hier sei. Der mächtigste Mann der Region, Roberto Suárez Gómez, der berüchtigte „König des Kokains“, ließ mir ausrichten, ich solle mit ihm nach La Paz fliegen. Dort habe er wichtige Geschäfte mit Regierungsvertretern zu erledigen und könne mir einen sicheren Aufenthalt garantieren.
Es war weniger eine Einladung als eine Anweisung. So fand ich mich wenig später in seiner kleinen Maschine wieder. Unter uns verschwanden die Wälder des Beni in einer geschlossenen Wolkendecke, während wir Kurs auf die Anden nahmen. Der Flug führte durch mehrere Klimazonen. Die feuchtwarme Luft des Amazonas traf auf die kalten Luftmassen des Hochgebirges und erzeugte mächtige Wolkenformationen, durch die Suárez Gómez die Maschine selbst steuerte.
Die Situation hatte etwas Surreales. Ein Naturschützer und ein Drogenbaron, gemeinsam in einem Cockpit zwischen Amazonas und Altiplano.
Während er die Maschine durch Turbulenzen und Wolkenbänke lenkte, entwickelte sich ein intensives Gespräch über Macht, Moral und nationale Souveränität. Suárez Gómez präsentierte sich nicht als Krimineller. Er verstand sich als Patriot und Unternehmer. Der Coca-Anbau, argumentierte er, sei die einzige wirtschaftliche Perspektive für Tausende Bauern. Der Staat habe die Region jahrzehntelang vernachlässigt. Schulen, Krankenhäuser und Infrastruktur würden vielerorts erst durch die Geldströme der Kokainwirtschaft ermöglicht.
Mit unverhohlenem Stolz erinnerte er an sein berühmtes Angebot aus den frühen 1980er Jahren, die gesamte Auslandsschuld Boliviens zu begleichen, wenn ihm und seinen Partnern dafür Straffreiheit gewährt würde. Er war überzeugt, dass seine Devisenzuflüsse einen Beitrag zur Stabilisierung des Landes leisteten.
Ebenso verwies er auf Schulen, Krankenhäuser und andere soziale Projekte, die mit Drogengeldern finanziert worden seien. Für viele Menschen im Amazonasgebiet erscheine er deshalb nicht als Verbrecher, sondern als Wohltäter.
Ich widersprach entschieden.